Oona Kastner und Pavel Fajt zu Gast im Alten Progymnasium
VON HEIKE SOMMERKAMP
Rietberg. Für den schillernden Guru Georg Ivanowitsch Gurdjieff (1866-1949) waren die Pianowerke, die er in Zusammenarbeit mit Thomas de Hartmann aus der Essenz ethnischer Lieder und Tänze komponierte, Basis spirituell motivierter Gruppentänze zur „harmonischen Entwicklung des Menschen“. Oona Kastner und Pavel Fajt griffen am Freitagabend auf Einladung von „Kulturig“ im Alten Progymnasium einige seiner Stücke auf – und entwickelten sie zu „Paveloona-Songs“ weiter.
„Wir haben uns einige Stücke rausgefischt, teilweise extremst bearbeitet, teilweise auch fast so stehen lassen und mit eigenen Songs durchmischt“, beschrieb Kastner den knapp zwei Dutzend Hörern die Entstehung der „Songs and Rhythms on a Gurdjieff-Ground“.
Während die Vocal-Performerin an Flügel und E-Piano in sensibler Eloquenz der Seele der von Guruhand konservierten Kulttänze nachspürte, zogen die zahlreichen, glaubhaft eingesetzten Facetten ihrer vom Hauch bis zum Schrei überaus persönlichkeitsstarken Stimme – mal rauchig-tief, dann jugendlich hell und plötzlich von eindringlicher Schärfe – das Publikum unwiderstehlich in ihren Bann.
Dazu unterlegte Kastner die Pianowerke mit Lyrik von E. E.Cummings bis Rainer Maria Rilke. Besonders intensiv gestaltete sie eine Vision über Meeresbrandung und Elemente aus der Feder Christian Morgensterns – hier verwandelte sich die zierliche, blondgelockte Vokalistin mittels geradezu unirdischen Flüsterbasses stimmlich in ein drohend-wogendes Ungeheuer.
Pavel Fajt zog inzwischen alle Register der Perkussion. Mal untermalte er leise, mal beschränkte er sich auf mitreißendes Rhythmisieren, und immer wieder trat er souverän als gleichberechtigter Dialogpartner für besonders sprühende Sequenzen an die Seite seiner Partnerin.
Zwei packende Songs lang bewies der Tscheche, dass ein Schlagzeugsolo keine Wünsche offen lassen muss – bei “Heart” gelang ihm sogar eine direkte Einflussnahme auf die Pulsfrequenz seiner Hörer. Neben einem gut ausgestatteten Schlagzeug nutzte Fajt sein selbst konstruiertes “Alltagsklanginstrument”, das die Schwingung diverser Saiten elektronisch weiterverwertete und irgendwie an einen einseitig gespannten Traumfänger erinnerte – besonders bei der Zugabe stachelten sich Stimme und Saitenklang gegenseitig zu immer intensiveren Repliken an.
Ob der Guru Georg Gurdjieff die Weiterentwicklung seiner Tänze gebilligt hätte, sei dahingestellt – er starb 1949 in Neulliy bei Paris nach einem Zusammenbruch – auf Paveloona und das Rietberger Publikum wirkte die vielschichtig erfrischende Neuentdeckung seiner Tänze begeisternd und vitalisierend.
Aus: Neue Westfälische | M O N T A G , 1 8 . O K T O B E R 2 0 1 0